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Magazin Mitbestimmung

: Die Metall und die Ingenieure

Ausgabe 11/2009

MITGLIEDER In der Krise sehen auch die technischen Experten, wie ersetzbar sie sind. Als beim IT-Dienstleister EDS eine Kündigungswelle drohte, traten viele in die Gewerkschaft ein. Von Joachim F. Tornau

Joachim F. Tornau ist Journalist in Kassel/Foto: IG Metall

Sogar auf Trillerpfeifen bestanden sie. Sie streiften sich bunte Streikwesten über, schwenkten Gewerkschaftsfahnen, organisierten Kundgebungen und Mahnwachen. Als beim IT-Dienstleister EDS im Juni in Rüsselsheim der Arbeitskampf ausgerufen wurde, taten die Beschäftigten all das, was ihnen als Ingenieuren und Angestellten vorher niemand so recht zugetraut hatte: Sie kämpften, gingen auf die Straße und bedienten sich dabei ohne jede Scheu aus dem Arsenal traditioneller gewerkschaftlicher Protestformen. Von Vorbehalten gegen kollektive Interessenvertretung, gegen Konfrontationen mit dem Arbeitgeber keine Spur. "Solche Abneigungen hat es vorher auch bei uns zuhauf gegeben", erzählt Betriebsrat und IG-Metall-Mitglied Stephan Buchal. "Aber das ist dann in den Hintergrund getreten - angesichts der Notwendigkeit, die eigene Haut zu retten."

Hatte der Organisationsgrad - wie in vielen IT-Unternehmen - früher mit deutlich unter fünf Prozent unter dem Krankenstand gelegen, war am Ende mehr als jeder zweite EDS-Beschäftigte Gewerkschaftsmitglied geworden. Helga Schwitzer, im IG-Metall-Vorstand zuständig für Ingenieure und technische Experten, preist das Beispiel des IT-Unternehmens: "Die Betriebsräte und Vertrauensleute bei EDS haben es geschafft, in Windeseile unglaublich viele Beschäftigte zu organisieren und kreative Aktionsformen zu entwickeln."

STRUKTURWANDEL ZWINGT DAZU_ Derartige Erfolge sollen keine Einzelfälle bleiben. Die IG Metall hat es zu einem ihrer Schlüsselziele gemacht, Angestellte als Mitglieder zu werben - fürwahr eine Zukunftsfrage: Der Anteil der gewerblichen Arbeiter nimmt im Metallbereich zunehmend ab. Bei Siemens in Deutschland etwa sank er von 63 Prozent im Jahr 1970 auf 29 Prozent im Jahr 2008. Der große Rest sind heute Hochschulabsolventen, kaufmännisch und technisch Tätige - also Angestellte, die der Gewerkschaft traditionell distanzierter gegenüberstehen. Und diese Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende. Unternehmen verlagern ihre Produktion ins Ausland und konzentrieren sich hierzulande auf Forschung und Entwicklung (F?&?E). "Diesen Strukturwandel", räumt Schwitzer ein, "haben wir bei der Mitgliedschaft nicht nachvollzogen." Bei der IG Metall sind Ingenieure und technische Experten bislang nur eine Minderheit. Das soll und muss sich ändern, sagt Schwitzer: "Wir wollen alle Beschäftigtengruppen vertreten", erklärt die Vorstandsfrau. "Nur so können wir eine starke Gewerkschaft bleiben."

Neu ist diese Erkenntnis nicht: Seit Mitte der 90er Jahre gibt es in der IG Metall einen Arbeitskreis F?&?E, ein Netzwerk von Betriebsräten und aktiven Gewerkschaftsmitgliedern aus den großen Forschungs- und Entwicklungszentren der Metall- und Elektroindustrie. Doch richtig hoch aufgehängt ist das Thema seit dem Jahr 2007, als nach dem IG-Metall-Gewerkschaftstag ein eigener Vorstands- und Funktionsbereich für Angestellte und Ingenieure geschaffen wurde. Mittlerweile, sagt Funktionsbereichsleiterin Christiane Benner, habe ein Drittel der Verwaltungsstellen das Anliegen auf der Agenda. Es gibt ein Nachwuchsprogramm, es gibt mehr und mehr gut ausgebildete Trainees. "Das Angestelltenthema kommt in den Strukturen der IG Metall an. Da greift eins ins andere", sagt Christiane Benner und rechnet vor, dass durch Aktivitäten von Verwaltungsstellen und Betriebsräten in diesem Jahr über 13 000 Angestellte neu in die IG Metall eingetreten sind, "darunter fast 6000 technische Experten".

Meist wirken - wie bei EDS - konkrete Anlässe und Konflikte im Betrieb als Initialzündung. Bei dem IT-Unternehmen hatten die Beschäftigten am eigenen Leibe erfahren müssen, dass sie auch als hoch qualifizierte technische Experten nicht mehr vor Massenentlassungen gefeit sind: Nach dem Willen von Hewlett-Packard (HP), die EDS 2008 übernommen hatten, sollte trotz schwarzer Zahlen jeder Dritte der 2800 EDSler in Deutschland den Job verlieren. "Programmierer als Künstler und Individualisten - das ist lange vorbei", sagt Betriebsrat Buchal, der vor seiner Freistellung als Betriebsrat selbst als Systementwickler gearbeitet hat. "Das Bewusstsein, ein unersetzliches Individuum zu sein, ist der Erkenntnis gewichen, dass auch IT-Konzerne Stellen in Niedriglohnländer verlegen wollen."

KREATIVE AKTIONEN_ Noch vor der Übernahme durch HP hatte der Betriebsrat eine Kampagne zur Mitgliederwerbung gestartet: Nach einer missglückten Gehaltsrunde, bei der sich die Geschäftsleitung weitgehend stur gestellt hatte, sollte endlich ein Haustarifvertrag erstritten werden. Als dann auch noch das brutale Sparprogramm der neuen Eigentümer verkündet wurde, strömten die Beschäftigten in Scharen zu IG Metall und ver.di. "Diese Entwicklung hätten wir nie für möglich gehalten", sagt Buchal. "Das war für uns sensationell." Zwar gelang es in dem fünfwöchigen Streik nicht, den ersehnten Haustarifvertrag zu erkämpfen. Aber es wurden eine Reduzierung auf maximal 300 betriebsbedingte Kündigungen sowie Anreize zum freiwilligen Ausstieg erreicht.

Ausgetreten aus der Gewerkschaft sei danach kaum jemand, berichtet der Betriebsrat. Die meisten Kollegen seien froh, gekämpft zu haben - auch wenn das Ergebnis nicht alle begeistert. "Es war richtig und nötig, Rückgrat zu zeigen." Doch nicht nur die Ingenieure, auch die Gewerkschafter mussten sich im Zuge des Ausstands von alten Denkmustern verabschieden: "Die Hauptamtlichen haben lernen müssen, dass die Beschäftigten ihren Streik selber organisieren, selber planen." Die Funktionäre sorgten für den Rahmen und sahen staunend, mit wie viel Einsatz und Fantasie die streikenden Programmierer eigene öffentlichkeitswirksame Aktionen entwickelten - von Kulturveranstaltungen bis zu Flashmobs auf der Computermesse CeBIT und vor der Frankfurter Börse, bei denen sie sich auf ein verabredetes Zeichen hin überraschend fallen ließen und sich zu "Opfern der HP-Profitgier" erklärten.

EDS ist kein Einzelfall. Im Zuge der Unternehmenskrise sind 400 technische Experten und Ingenieure der Adam Opel AG IG-Metall-Mitglieder geworden. Bei der Kostal GmbH, einem großen Elektronik-Familienunternehmen aus NRW, sind im Zuge einer Tarifauseinandersetzung 50 Ingenieure in die Gewerkschaft eingetreten. Bei Bosch in Feuerbach haben sich sogar Vertrauensleutestrukturen entwickelt - im Ingenieursbereich.

RAUM FÜR INDIVIDUELLE LÖSUNGEN_ Das Bedürfnis nach selbstständigem Handeln, sagt der Politikwissenschaftler Michael Vester, sei charakteristisch für Ingenieure und andere hoch qualifizierte Arbeitnehmer. So viel wie möglich würden sie selbst regeln wollen, auch im Umgang mit Vorgesetzten und Arbeitgeber. "Das bedeutet nicht, dass sie einen fanatischen Individualismus vertreten", erläutert der emeritierte Professor der Universität Hannover. "Aber wenn die Gewerkschaften für sie interessant sein wollen, müssen sie Raum bieten für individuelle Lösungen."

In mehreren Studien hat Vester Mentalitäten und Einstellungen der "neuen Arbeitnehmer" untersucht. Zuletzt widmete er sich dabei im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung speziell den unter 35-Jährigen. Seine Ergebnisse können auch der IG Metall Mut machen: "Die alte antigewerkschaftliche Haltung gibt es bei den technischen Experten seit einigen Jahren nicht mehr." Schwindende Privilegien und Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes hätten die Gemeinsamkeiten mit gewerblichen Beschäftigten wachsen lassen und die früher weit verbreitete Loyalität zum Arbeitgeber und zur Geschäftsführung zurückgedrängt. Dass viele Ingenieure trotzdem den Gewerkschaften immer noch kritisch gegenüberstehen, sei nicht zuletzt eine Frage des Stils. "Punkten mit Kraft und Macht wird nicht so gut gefunden", sagt der Wissenschaftler. "Aber raffinierte und intelligente Lösungen, die den Arbeitnehmern zugute kommen, werden bejubelt."

DIE KRITISCHE MASSE ERREICHEN_ Die IG Metall, rät Vester, müsse lernen, eine andere Sprache zu sprechen, intellektueller aufzutreten. Und sie brauche noch viel Geduld, warnt der Experte: "Mentalitäten sind langlebig." Derzeit jedenfalls seien selbst geringe Zuwächse bei den Angestellten schon als Erfolge zu feiern: "Das sind keine Strohfeuer-Effekte." Obschon die Zahl der 13 000 neu gewonnenen Angestellten angesichts einer Gesamtmitgliederschaft von 2,3 Millionen noch bescheiden wirken mag, ist Gewerkschafterin Benner nicht unzufrieden mit dem bislang Erreichten. "In immer mehr Unternehmen kümmern sich Betriebsräte und Vertrauensleute um die berühmten weißen Flecken", sagt die IG-Metall-Frau, die im Verkauf gearbeitet hat, ehe sie mit einem Böckler-Stipendium Soziologie studierte. Und hofft, dass der Trend zu einem Selbstläufer werden könnte. "Wenn Gewerkschaftsmitglieder in F?&?E-Abteilungen oder IT-Unternehmen keine Exoten mehr sind, wenn nicht mehr nur einzelne Ingenieure als Betriebsräte und Vertrauensleute auftreten, dürfte vielen Angestellten die Unterschrift unter den Aufnahmeantrag leichter fallen als heute", meint Benner. "Es braucht eine kritische Masse."

Um dieses Ziel zu erreichen, setzt die IG Metall bereits beim Ingenieurs-Nachwuchs an den Fachhochschulen an. Wer Elektrotechnik oder Maschinenbau studiert, kann sich in Hochschulinformationsbüros der Gewerkschaft über die Vor- und Nachteile möglicher Arbeitgeber informieren, kann seinen Arbeitsvertrag checken oder sich eine Praktikumsstelle vermitteln lassen - Betreuung durch den Betriebsrat inklusive. "Unser Engineering-Netzwerk ist ein Alleinstellungsmerkmal der IG Metall", sagt Benner. Und das macht sich nicht nur für Studierende bezahlt: Die Entgeltanalyse für die IT-Branche, mit der die Gewerkschaft alljährlich den Dschungel der unzähligen individuellen Gehaltsregelungen lichtet, beruht auf einer konkurrenzlos großen Datengrundlage - und zeigt vielen Programmierern, dass sie mit ihrer vermeintlich großzügigen außertariflichen Bezahlung schlechter dastehen als mit einem Gehalt nach Tarif oder als der Durchschnitt.

"Wer das weiß, kann auch mit seinem Chef ganz anders verhandeln", sagt Helga Schwitzer. Derartige Angebote, erklärt die Vorstandsfrau der IG Metall, die auch für Tarifpolitik zuständig ist, sollen die spezifischen Bedürfnisse von höher qualifizierten Beschäftigten abdecken. "Wir wollen den kollektiven Rahmen schaffen, um individuelle Interessen durchsetzen zu können." Nicht nur bei der Bezahlung, sondern auch beispielsweise was die Begrenzung von Leistung und Arbeitszeit angeht. Denn auch da seien bei Ingenieuren und Technikern andere, flexiblere Lösungen gefragt als bei ihren gewerblichen Kollegen. "Das Berufsethos von Entwicklern ist groß", sagt Schwitzer. Bis ein Projekt beendet sei, würden sie sich zumeist ohne Rücksicht auf Überstunden in die Arbeit stürzen. "Aber danach wollen sie dann auch mal durchatmen und nicht wie am Fließband gleich ins nächste Projekt gedrängt werden." Also: Mehrarbeit ja. Doch nicht ohne einen Ausgleich über Arbeitszeitkonten oder vielleicht einmal ein Sabbatical.

Was der richtige Weg ist, dürfe aber nicht einfach von Betriebsrat oder Funktionären vorgegeben werden, sondern müsse immer gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt werden. "Angestellte", weiß Schwitzer, "sehen erst dann den Wert einer Gewerkschaft, wenn sie mitbestimmen können." Und das gilt auch für scheinbare Nebensächlichkeiten: Sogar die lustige Leuchtdiode, die als Logo die Engineering-Publikationen der IG Metall schmückt, wurde von den Ingenieuren selbst erdacht.


Streiflichter der Ingenieurskonferenz von Hans-Böckler-Stiftung und IG Metall: "Heute stehen wir selber am Band" hier als pdf


Mehr Informationen

Informationsportal der IG Metall für Ingenieure und technische Experten und Zugang zum Engineering-Netzwerk:
http://www.engineering-igmetall.de/

Michael Vester/Christel Teiwes-Kügler/Andrea Lange-Vester: Die neuen Arbeitnehmer. Zunehmende Kompetenzen - wachsende Unsicherheit. Hamburg, VSA-Verlag 2007

Die aktuelle Broschüre Entgelt in der ITK-Branche 2009 der IG Metall ist für 14,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Mitglieder bekommen sie bei ihrer Verwaltungsstelle zum ermäßigten Preis von 4,90 Euro.

 

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