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Schwarz-Weiß-Porträts von Carl-Julius Cronenberg (l.), Sprecher für Mittelstand und Freihandel der FDP-Bundestagsfraktion; Laurens Brandt, Wissenschaftlicher Referent für Arbeitsrecht am Hugo Sinzheimer Institut für Arbeits- und Sozialrecht Magazin Mitbestimmung

Pro & Contra: Brauchen wir unbezahlte Krankheitstage?

Ausgabe 01/2025

Ja, findet Carl-Julius Cronenberg, Sprecher für Mittelstand und Freihandel der FDP-Bundestagsfraktion. Denn die aktuelle Regelung schaffe Fehlanreize und verstoße gegen die Leistungsgerechtigkeit. Nein, argumentiert Laurens Brandt, Wissenschaftlicher Referent für Arbeitsrecht am Hugo Sinzheimer Institut für Arbeits- und Sozialrecht (HSI), weil der Vorschlag an den Ursachen für den hohen Krankenstand vorbeigeht.

JA.

Die Zahl der Krankentage in Deutschland läuft aus dem Ruder. Seit 2007 steigt sie kontinuierlich an und hat sich mittlerweile verdoppelt. Insbesondere in Bereichen, wo Arbeitsplätze sicher sind, etwa im öffentlichen Dienst, ist der Anstieg besorgniserregend hoch. Unter der krankheitsbedingten Abwesenheit leiden besonders die Kolleginnen und Kollegen und werden nicht selten ebenfalls krank – ein Teufelskreis, in dem sich die steigenden Krankheitsquoten selbst verstärken. In der Folge hat Deutschland heute deutlich mehr Krankentage als viele unserer europäischen Nachbarn. Dieser Zustand ist gerade in der aktuellen Krise volkswirtschaftlich nicht länger haltbar. Gegen jede weitere Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit muss jetzt politisch gehandelt werden.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen nehmen die Beschäftigten im Krankheitsfall vollständig aus der Verantwortung. Da die Arbeitgeber sechs Wochen Lohnfortzahlung leisten müssen, tragen die Beschäftigten kein Risiko eines Einkommensverlustes. Das schafft Fehlanreize, die es zu korrigieren gilt. Wenn ein Arbeitnehmer innerhalb der ersten drei Krankheitstage kein Attest vorlegt, sollte der Arbeitgeber für diesen Zeitraum auch nicht zu einer Lohnfortzahlung verpflichtet sein. Lohnfortzahlung nur bei Attest – diese Regelung ist in vielen europäischen Ländern Standard, denn natürlich muss derjenige, der arbeitet, mehr verdienen als derjenige, der nicht arbeitet. Alles andere schafft Fehlanreize, wäre ein Verstoß gegen die Leistungsgerechtigkeit und eine Bestrafung von Pflichtbewusstsein.

CARL-JULIUS CRONENBERG ist Sprecher für Mittelstand und Freihandel der FDP-Bundestagsfraktion und Geschäftsführer des sauerländischen Familienunternehmens JCS Sophienhammer.


NEIN.

Der hohe Krankenstand ist besorgniserregend. Die öffentlich debattierten Vorschläge gehen aber am Problem vorbei. So forderte Allianz-Chef Oliver Bäte, am ersten Krankheitstag kein Gehalt mehr zu zahlen. Missbrauch wird dies kaum verhindern. Stattdessen würden alle ehrlichen Beschäftigten bei jeder Krankschreibung etwa fünf Prozent ihres Monatsgehalts verlieren. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung hat keine Rücklagen oder sogar Schulden.

Viele würden deshalb krank zur Arbeit gehen. Dies kann zu längeren Krankheitsverläufen führen. In der Folge könnte die Zahl der Krankheitstage sogar wachsen und der Vorschlag zum wirtschaftlichen Bumerang für Unternehmen werden. Zudem würden Beschäftigte mit einem hohen Ansteckungsrisiko, etwa im Krankenhaus oder in Kitas, noch größeren Gefahren ausgesetzt. Benachteiligt würden auch chronisch Kranke wie Menschen mit Rheuma oder Dialysepatienten. Der bürokratische Aufwand in den Personalverwaltungen würde steigen, weil dort ständig Abrechnungen zu korrigieren wären.

Der Vorschlag ist ungerecht und ändert an den eigentlichen Ursachen für den hohen Krankenstand nichts. Anstatt über die Einschränkung hart erkämpfter Rechte nachzudenken, sollten sich Vorstände lieber fragen, ob es einen Zusammenhang zwischen modernen Managementmethoden und dem Anstieg psychischer Erkrankungen gibt – und wie Arbeit aussieht, die nicht krank macht.

LAURENS BRANDT ist Wissenschaftlicher Referent für Arbeitsrecht am Hugo Sinzheimer Institut für Arbeits- und Sozialrecht (HSI).


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