Die Europäische Zentralbank in der Kritik

Tober, Silke

Reihe: IMK Report, Nr. 67, November 2011.
Düsseldorf:  2011, ISSN: 1861-3683. 12 Seiten


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Kurzbeschreibung:


Die Europäische Zentralbank ist in den vergangenen anderthalb Jahren zunehmend in die Kritik geraten, und zwar aus zwei entgegengesetzten Richtungen: Während eine Gruppe von Kritikern moniert, die EZB überschreite ihr Mandat und ginge zu hohe finanzielle Risiken ein, kritisiert die andere Gruppe, die von der EZB ergriffenen Maßnahmen wären angesichts der sich fortwährend zuspitzenden Liquiditätskrise nicht durchgreifend genug. Dieser Beitrag zeigt die Risiken auf, die das Eurosystem bisher eingegangen ist, und argumentiert, dass das Eurosystem nicht umhin konnte, unter Druck geratene Staatsanleihen zu kaufen, da ein Vertrauensverlust wegen der Rückwirkungen auf die Staatsfinanzen und auf das Bankensystem einen Teufelskreis aus Vertrauensverlust, steigenden Zinsen, schwachemWachstum und erneutem Vertrauensverlust erzeugen und damit die Stabilität des Euroraums gefährden kann. Auch die Schieflage bei der Refinanzierung der Banken und die damit einhergehende Ausweitung der Target2-Salden der nationalen Zentralbanken sind ein Krisenphänomen, das die EZB mit Blick auf die Stabilität des Euroraums hinnehmen musste. Ob sich die Risiken tatsächlich als Verluste niederschlagen, hängt ganz entscheidend davon ab, ob die Euroländer an ihrer erfolglosen Krisenpolitik festhalten oder aber einen Strategiewechsel vornehmen, der es dem Euroraum als Ganzes ermöglicht, mit dem Rückenwind einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung die Staatsfinanzen zu konsolidieren. Mit dem Übergreifen auf Italien hat die Vertrauenskrise ein Ausmaß erreicht, das ohne eine aktive Rolle der EZB nicht mehr zu bewältigen ist. Allerdings benötigt die EZB die Rückendeckung der Euroländer.



Abstract:


The ECB is currently being criticized from two opposing points of view: Whereas one group of economists faults the ECB for incurring high risks and overstepping its mandate, the other group argues that the Eurosystem has not done enough to fight the confidence crisis in the euro-area government-bond markets. This paper takes a look at the risks taken on by the Eurosystem and argues that the Eurosystem could not have refrained from purchasing government bonds without risking great instability in the euro area. A loss of confidence can trigger a vicious circle of rising interest rates, low growth and further confidence loss as banks and government finances are adversely affected. The skewed refinancing positions of banks in the euro area and the resulting increase in Target2-balances are a crisis phenomenon the ECB was unable to limit without jeopardizing the euro area. Whether the risks inherent in the Eurosystem's balance sheet materialize depends to a large extent on whether euro area countries continue to pursue their ineffective crisis strategy or change their policies so as to enable the euro area to consolidate with the tailwind of economic growth. In reaching Italy, the crisis has gotten so widespread that it can no longer be contained without an active role of the ECB. A rapid solution is necessary and this requires that euro area governments back up the ECB by making it clear that no euro area country will default on its debts and that the ECB shows its willingness to purchase any amount of governments necessary to restore confidence.