12.11.2012

Deutschlands Zukunft und der Euro: Austreten bitte?

Der Standpunkt

George Soros hat Deutschland aufgefordert, den Euroraum zu verlassen. Hat er Recht? Lassen Sie uns Deutschlands Chancen ohne ein gemeinsames Europa mit einer gemeinsamen Währung erkunden. Dann werden wir verstehen, welche Chancen Deutschland in einem gemeinsamen Europa mit dem Euro hat.

Was wäre also, wenn? Der Deutsche Bundestag beschließt mit Zweidrittelmehrheit gegen die Stimmen der GRÜNEN den Austritt aus der europäischen Währungsunion und die Wiederführung der DM zum Kurs von 1:1 zum Euro. Der Bundesbankpräsident tritt aus dem EZB-Rat zurück. Als erstes reagieren die Finanz- und Devisenmärkte: Liquidität fließt aus dem Resteurogebiet massiv in das neue DM-Gebiet. Die DM wertet schlagartig um 50 Prozent gegenüber dem Euro auf. Eine DM kostet jetzt 1,50 Euro. Damit entstehen erhebliche Vermögensminderungen für die Privatanleger in Deutschland bei ihren Anlagen in Euro. Zugleich mindert sich aber auch der Wert der staatlichen Bürgschaften für den Rettungsschirm und die Verpflichtungen über die Target Salden des EZB Systems, deren Begleichung die wieder erstarkte Bundesbank mit sofortiger Wirkung fordert. Die Risiken für die öffentlichen Haushalte gehen zunächst zurück. Rund 200 deutsche Ökonomen feiern Deutschlands wieder gewonnene Freiheit. Thilo Sarrazin erklärt bei Jauch: Deutschland braucht den Euro nicht.

Im Resteuroraum taumelt der Finanzmarkt in Turbulenzen. Es gelingt jedoch der EZB, die ihren Sitz mit dem Euroaustritt Deutschlands sofort von Frankfurt nach Paris verlagert hat, mit der Ankündigung unbegrenzter Anleiheaufkäufe, diese rasch einzudämmen. Gleichzeitig begleicht sie alle Target-Forderungen der Bundesbank mit frisch gedruckten Euros, die aber in DM gerechnet mittlerweile ein Drittel an Wert verloren haben. Die Bundesbank macht einen herben Verlust. Das Gleiche geschieht der Bundesregierung bei der Rückzahlung ihrer Einlagen in den ESM; die Staatsverschuldung erhöht sich entsprechend.

Nach einigen Wochen der Erleichterung über die Flucht aus der Krise erklären mehrere große Automobilhersteller, dass ihre Absatzzahlen in das Resteurogebiet eingebrochen seien. Sie verordnen Kurzarbeit und Stellenabbau. Wenige Wochen später erklärt die Bundesvereinigung der Arbeitgeber, Deutschlands Wirtschaft sei angesichts der Aufwertung der DM nicht mehr wettbewerbsfähig und mahnt die deutschen Gewerkschaften zur Lohnzurückhaltung. Nach einem Vierteljahr gibt das Statistische Bundesamt bekannt, dass sich Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss halbiert habe, weil die Exporte in das Resteurogebiet eingebrochen seien. Thilo Sarrazin erklärt bei Anne Will: Er fühle sich auch ohne den Euro wohl, sein Einkommen sei auch nicht gesunken.

Im Resteurogebiet wird der Austeritätskurs für die Krisenländer gestreckt, und die Ziele für die Konsolidierung längerfristig definiert. Die Resteurostaaten erhöhen ihre Einlagen an den ESM, um den Ausfall Deutschlands zu kompensieren. Der Fiskalpakt wird suspendiert und durch einen Stabilitätspakt ersetzt, der die Länder zur Einhaltung des Inflationsziels und damit zur Vermeidung von Leistungsbilanzungleichgewichten verpflichtet. Um dies zu überwachen, wird der ESM in einen Europäischen Währungsfond (EWF) umgewandelt. Als Sanktionen bei Fehlverhalten müssen die Mitgliedsländer symmetrisch sowohl bei Überschüssen als auch bei Defiziten einen Teil ihrer Einkommensteuereinnahmen an den EWF abtreten. Die EZB erklärt, ihr Inflationsziel liege unverändert bei 2 Prozent. Die Bundesbank erklärt, das Inflationsziel für Deutschland liege ab sofort bei 1 Prozent und erhöht die Zinsen. Die DM wertet weiter auf.

Das Statistische Bundesamt gibt bekannt, dass die Leistungsbilanz Deutschlands mittlerweile wegen stark sinkender Exporte ausgeglichen sei. Die Konjunktur in Deutschland schwächt sich stark ab. Die Exportindustrie befindet sich in einer Rezession und baut massiv Arbeitsplätze ab. Auch die Binnenwirtschaft beginnt, ob der höheren Zinsen an Dynamik zu verlieren. Im Resteuroraum stabilisiert sich die wirtschaftliche Lage hingegen allmählich. Thilo Sarrazin erklärt bei hart aber fair: "Das hat nichts mit dem Euro zu tun."

VW-Chef Martin Winterkorn gibt bekannt, dass sein Unternehmen große Teile seiner Autoproduktion in den Resteuroraum verlagert. "Der deutsche Markt ist zu klein für unsere Produktion und wir brauchen größere Wechselkurssicherheit", erklärt Winterkorn. Der Kurs der VW-Aktie steigt massiv. BMW und Daimler bestätigen ähnliche Planungen in ihren Unternehmen. In den Lohnverhandlungen der Metallindustrie wird angesichts der schwierigen Lage der Exportindustrie ein Zuwachs von 1 Prozent vereinbart. Im öffentlichen Sektor erzwingt die Schuldenbremse vor dem Hintergrund konjunkturell bedingt sinkender Steuerreinnahmen einen forcierten Stellenabbau. Die Lohnverhandlungen führen zu einem Zuwachs von 0,5 Prozent.

Ein Jahr nach dem Austritt aus dem Euro befindet sich Deutschland in einer tiefen Rezession mit stark steigender Arbeitslosigkeit. Mittlerweile ist auch die Binnennachfrage auf Talfahrt, da die geringen Lohnsteigerungen und der Stellenabbau nunmehr den Konsum belasten. Gleichzeitig kündigen immer mehr Unternehmen die Verlagerung von Arbeitsplätzen in den Resteuroraum oder nach Asien und in die USA an. Der Börsenplatz Frankfurt hat merklich an Bedeutung verloren; die Pariser Börse hat dagegen an Einfluss gewonnen. Finanzkapital fließt zunehmend aus Deutschland ab und lässt die Kapitalmarktzinsen weiter steigen. Die Aufwertung der DM ist dabei zum Stillstand gekommen.

Der Euroraum hat sich mittlerweile stabilisiert und weist immerhin ein schwaches wirtschaftliches Wachstum auf. Insbesondere die Exporte aus den Krisenländern -vor allem nach Deutschland - sind gestiegen. VW plant eine Erweiterung seiner Werke in Spanien und erwägt den Bau eines zusätzlichen Werks in Griechenland.

Nach zwei Jahren beträgt das Wachstum im Resteuroraum wieder deutlich über 2 Prozent, während die Wirtschaftsleistung in Deutschland kaum mehr als stagniert und die Arbeitslosigkeit hartnäckig hoch bleibt. Rund 200 deutsche Ökonomen veröffentlichen einen dramatischen Appell, Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Der deutsche Arbeitsmarkt sei zu unflexibel, die Löhne zu hoch und die Sozialleistungen zu üppig, um den globalen Herausforderungen gewachsen zu sein: "Der hellenische Delphin und der spanische Stier sind auf dem Sprung, während Deutschlands Adler lahmt." So das Fazit der deutschen Ökonomen zwei Jahre nach dem Austritt aus dem Euro.

Thilo Sarrazin erklärt bei Illner: "Ich habe nie den Austritt aus dem Euro empfohlen, aber man wird ja wohl mal gesagt haben dürfen, dass wir den Euro nicht brauchen."


Vortrag auf dem Trialog Seminar der Humboldt-Viadrina School of Governance; gehalten am 01.11.2012.

zurück