12.03.2012

Wie Ratingagenturen die Eurokrise verschärfen

Der Standpunkt

Die drei großen Rating-Agenturen Standard & Poor’s, Fitch und Moody’s sind wohlauf: Vor ihren Kredit-Bewertungen zittert die ganze Welt und in letzter Zeit besonders die Regierungen im Euroraum. Die Ratingagenturen entscheiden mit über das Wohl und Wehe europäischer Staatsanleihen. Wenn die Agenturen den Daumen senken, werden Anleger vorsichtiger, leihen den Regierungen weniger bereitwillig, was zu steigenden Zinsen für neue Staatsschulden führt. Die Befürworter von Ratings finden das ganz normal, schließlich bezahlen sie die Agenturen dafür, dass sie bewerten, ob eine Regierung mit ihrer Politik im Bankrott landet oder nicht. Wenn die Rating-Herabstufung kommt, verkaufen Anleger ihre Papiere eben, um ihr Risiko zu vermindern.

Das aber ist der Knackpunkt, argumentieren die Kritiker. Die Ratingagenturen äußern nicht einfach ihre Privatmeinung wie es Zeitungskommentatoren tun. Ihre Meinung hat automatisch Konsequenzen für das vorhergesagte Ereignis. Versicherungen, Pensionsfonds und Banken müssen per Gesetz ihre Anleihen verkaufen, wenn deren Rating nicht mehr hoch genug ist. Das kann zu einer sich selbst verwirklichenden Prophezeiung führen: Die mit dem Anleihenverkauf steigenden Zinsen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Staat Bankrott geht. Die Steuereinnahmen werden auch bei noch so starkem Sparen und Steuererhöhen nicht mehr zur Bedienung der Schulden reichen, wenn die Zinsausgaben stetig weiter steigen. Darüber hinaus macht das Sparen in der Krise die Wirtschaft kaputt und erhöht noch zusätzlich die Bankrottwahrscheinlichkeit.

Das wäre vielleicht alles nicht so dramatisch, wenn die Agenturen zur rechten Zeit melden würden, dass Staaten in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken. Dann würden die Zinsen vielleicht steigen, aber nicht so plötzlich und so hoch, dass sich die Staaten kaputtsparen müssen, um die Anleger zu beruhigen. Die Erfahrung der letzten Jahre hat aber gezeigt, dass Ratingagenturen kaum vor sich aufbauenden Risiken warnen, und erst wenn Bankrotte kurz vor der Tür stehen plötzlich panisch ihre Ratings vermindern und die Krise dadurch noch verschärfen.

Vor der Krise hatten die Agenturen etwa in Griechenland oder Portugal trotz sich stetig verschlechternder Wettbewerbsfähigkeit, steigender Auslandsschulden und staatlicher Defizite nichts bemerkt. Laut Rating waren die Staaten fast ohne Risiko. Fitch stufte Griechenlands Schulden erst nach der Ankündigung des damaligen Premierministers Papandreou herab, dass das staatliche Defizit sehr viel höher als von der Vorgängerregierung angegeben war. Das Ausmaß der Statistikmanipulation war vielleicht überraschend. Aber die interessierte Öffentlichkeit war auch vorher darüber informiert, dass das griechische Statistikamt nicht immer ganz präzise in seinen Angaben war. Seit 2004 bemängelte die europäische Statistikbehörde die griechischen Zahlen, und das staatliche Defizit wurde mehrmals nach oben korrigiert – ohne dass die Ratingagenturen das zum Anlass einer Herabstufung nahmen.

Laut einer neuen EZB-Studie haben die Griechenland-Ratings nicht nur zur Verschärfung der Finanzsituation in Griechenland geführt, sondern auch zur Ausweitung der Krise auf andere Staaten des Euroraums. Die portugiesischen Schulden wurden laut Moody’s-Pressemitteilung von der Ratingagentur mit dem Argument herabgestuft, dass ein Schuldenschnitt à la Griechenland auch in Portugal möglich sei. Dabei achteten die Agenturen gar nicht auf die portugiesische Politik, sondern auf die griechische. Die Studie zeigt auch, wie die Herabstufung griechischer Schulden zu höheren Renditen in Irland, Portugal, Italien, Spanien, Belgien und Frankreich geführt hat.

Es ist keine neue Erfahrung, dass Ratingagenturen lange Zeit nichts zu sich aufbauenden Risiken sagen und in der Krise dann plötzlich panisch herabstufen. Noch bis zur großen Finanzkrise 2007 meinten die Agenturen, die toxischen Papiere, in denen die US-Subprimehypotheken versteckt waren, seien vollkommen risikolos – bis diese Papiere das gesamte Weltbankensystem in Milliardenverluste und die Weltwirtschaft kurz vor den Abgrund getrieben haben. In der Asienkrise der späten 90er Jahre konnte man das gleiche Schema erkennen. Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat in einer Studie aus dem Jahr 1999 nachgewiesen, dass die Ratingagenturen durch ihre Herabstufungen in der Krise die Situation der südostasiatischen Volkswirtschaften und damit von Millionen von Menschen noch verschlimmert hatten.

Das Hauptproblem der Agenturen ist nicht, dass sie bewerten; das Hauptproblem ist, dass ihre Bewertungen Teil der Regulierung sind und Banken, Versicherungen und andere Finanzinstitutionen keine andere Wahl haben, als ihre Portfolios nach den Bewertungen der Ratingagenturen zu strukturieren. In den USA ist dieses Problem durch die Finanzmarktreformen der letzten Jahre angegangen worden, in Europa schleppt sich der Prozess noch. Die Berufung auf Ratingagenturen ist mit dem Dodd-Frank-Act zur Finanzreform aus der US-Finanzmarktregulierung entfernt worden. In Europa sind die Ratings aber weiterhin entscheidend für die Banken und auch für die EZB. Die Verschärfung der Eurokrise geht mit auf das Konto der Ratingagenturen. Bis jetzt hat die Politik nicht verhindert, dass die Agenturen weiterhin Öl ins Eurokrisen-Feuer gießen.

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