Förderschwerpunkte

Erwerbsarbeit im Wandel

Spekulationen über das Ende der Arbeitsgesellschaft haben sich nicht bewahrheitet. Dennoch verändert sich die Erwerbsarbeit tiefgreifend: Infolge des strukturellen Wandels oder instabiler Beschäftigungsformen werden immer mehr Erwerbspersonen im Verlauf ihres Arbeitslebens mit Arbeitslosigkeit oder Beschäftigungsunsicherheit konfrontiert.

Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft und neue strategische Weichenstellungen in der Unternehmens- und Personalpolitik bewirken, daß sich Arbeitsinhalte, -anforderungen und Beschäftigungssituationen verändern. Auch erweitert sich der Zugriff auf die fachlichen, sozialen und außerberuflichen Qualifikationen der Beschäftigten. Der ökonomische Druck wird zunehmend in den arbeitsorganisatorischen Verantwortungsbereich der Beschäftigten verlagert. Dies führt für breite Beschäftigtengruppen zu einer Intensivierung und zeitlichen Ausdehnung der Arbeit.

Der Wandel der Erwerbsarbeit folgt jedoch nicht einseitig betrieblichen Steuerungsprozessen. Auch die Arbeitspolitik der Sozialpartner prägt maßgeblich Arbeitsbedingungen und -situationen. Nicht zuletzt fließen die Ansprüche der Beschäftigten, ihre Gerechtigkeitsvorstellungen und sozialmoralischen Standards in ihr Erwerbsverhalten ein. Umgekehrt hat die Gestaltung der Erwerbsarbeit Rückwirkungen auf gesellschaftliche Standards und individuelle Formen der Lebensführung.

Noch formt sich kein klares Bild, welche Auswirkungen die skizzierten Entwicklungen für die Zukunft von Arbeit und Gesellschaft haben. Erst einzelne Konturen sind sichtbar: Sie zeigen eine große Varianz in den Arbeitsbedingungen, Leistungs- und Qualifikationsanforderungen. Sie zeigen ungleiche Chancen, an Erwerbsarbeit teilzuhaben. Sie zeigen weiterhin einen Bedeutungsrückgang des Normalarbeitsverhältnisses durch Zunahme von Teilzeitarbeit, Leiharbeit, befristeten Beschäftigungsformen, freiberuflichen Arbeiten.

Doch auch innerhalb sozial- und arbeitsrechtlich abgesicherter Beschäftigungsverhältnisse verflüssigt sich die Form der "Normalarbeit" infolge arbeitsorganisatorischer Eingriffe und neuer Anforderungsprofile. Der fortschreitende Wandel der Erwerbsarbeit, der thematisch im Zentrum dieses Förderschwerpunktes steht, läßt sich nicht mehr mit nur einem Modell beschreiben. Arbeitsbedingungen und -situationen differenzieren sich je nach Branche und Unternehmenskulturen, nach Geschlecht und Qualifikationen weiter aus. Entsprechend vielschichtig sind auch die betriebspolitischen, beschäftigungspolitischen, gleichstellungs- und gesellschaftspolitischen Auswirkungen der unterschiedlichen Arbeitskonstellationen. Chancen auf eine Kompetenzerweiterung in der Arbeit und auf verbesserte Abstimmungsmöglichkeiten zwischen Arbeit und Leben gehören zum Potential der skizzierten Entwicklungen. Umgekehrt sind Risiken von Leistungsüberforderungen, rigidisierten Arbeitsstrukturen und einer Destabilisierung der Erwerbsmuster und -biographien mit negativen Auswirkungen auf die Lebensführung nicht auszuschließen.

Um die Chancen, die im Wandel der Erwerbsarbeit angelegt sind, nutzen und Risiken eindämmen zu können, sind arbeitspolitische und gleichstellungspolitische Interventionen erforderlich, die der pluralen Arbeitsrealität gerecht werden. Empirische Forschung kann dafür Orientierungswissen liefern. Ihre Aufgabe ist es, charakteristische Merkmale des vielschichtigen Wandels von Arbeitswelt und Gesellschaft zu identifizieren und seine Auswirkungen zu erfassen. Forschung soll Entwicklungen rechtzeitig erkennen. Und sie soll im Sinne eines Problem- und Anwendungsbezuges dazu beitragen, den künftigen Regulierungsbedarf und innovative arbeitspolitische Gestaltungsansätze bestimmen zu können. Die Forschungsprojekte können somit zur Bestimmung und Gestaltung von "guter Arbeit" beitragen.

Die von der Wissenschaft geforderte Fähigkeit zur Beobachtung und Analyse muß sich auf verschiedene Betrachtungsebenen beziehen: In betriebs- und beschäftigungspolitischer Perspektive ist zu fragen: Wie verändert eine Arbeitsorganisation, die zeitlich, räumlich und hinsichtlich der Leistungsdefinitionen zunehmend entstandardisiert und flexibilisiert wird, die Beschäftigungschancen, Arbeitsanforderungen und -belastungen, die Beschäftigungsstabilität und realen Berufsverläufe unterschiedlicher Beschäftigtengruppen bzw. Arbeitssuchenden?

In gesellschaftlicher Perspektive ist zu fragen: Wie wirkt sich der Wandel der Erwerbsarbeit auf die Lebenswelt der Beschäftigten und auf gesellschaftliche Verhältnisse insgesamt aus? Hier geht es zum einen darum, Transparenz herzustellen über die an Erwerbsarbeit geknüpften Prozesse von Chancengleichheit und gesellschaftlicher Integration bzw. von Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung. Zum anderen sollen geschlechterdemokratische und nachhaltigkeitsgerechte Qualitätskriterien für Erwerbsarbeit aufgezeigt werden, die auch die alters- und zuwanderungsbedingten demographischen Veränderungen berücksichtigen.

Die Fülle von Einzelthemen, die in beiden Analysedimensionen angesprochen sind, verlangt eine Auswahl und Konzentration. Aus der Perspektive einer Forschung, die auf Praxisrelevanz und Politikberatung zielt, stehen sechs Themenstränge mit inhaltlichen Querbezügen im Zentrum des Schwerpunktes:

 

1. Die Ausdifferenzierung der Arbeit im Bereich des Normalarbeitsverhältnisses

2. Die Ausdifferenzierung der Arbeit durch temporäre und zeitlich reduzierte Beschäftigungsformen

3. Erwerbsarbeit und gesellschaftliche Arbeit

4. Altersgerechte Erwerbsarbeit

5. Nachhaltige Erwerbsarbeit

6. Erwerbsarbeit und Geschlechterverhältnisse

 

Noch wird die Mehrzahl der Beschäftigungsverhältnisse durch bestehende Arbeitsrechts- und Sozialsysteme reguliert. Dennoch ist der Trend zu einer zunehmenden Differenzierung der Arbeits- und Qualifikationsbedingungen deutlich erkennbar. Dies gilt sowohl für die Produktions- als auch für die Dienstleistungsarbeit. In beiden Beschäftigungssegmenten gibt es Arbeitsbereiche, in denen bekannte Strukturmuster der Arbeit und die mit ihnen verbundenen Belastungsmerkmale fortbestehen oder revitalisiert werden. Gleichzeitig greift in anderen Beschäftigungssegmenten eine Arbeitsgestaltung Raum, die auf zunehmend mehr Selbstorganisation und Eigenverantwortung der Beschäftigten orientiert. Es ist die Aufgabe empirischer Forschung, kritisch zu prüfen, wie sich die Qualität der Arbeit im Zuge neuer arbeitsorganisatorischer Konzepte verändert, welche Autonomiegewinne den betroffenen Beschäftigtengruppen eingeräumt und welche spezifischen Qualifikationsanforderungen und Belastungen ihnen abverlangt werden. Darüber hinaus gilt es, neue Widerspruchsmomente hinsichtlich der Qualifikationsanforderungen und der damit verbundenen Beschäftigungschancen und -bedingungen aufzudecken. Denn einerseits wird der Trend zu einem steigenden Qualifikationsniveau konstatiert, andererseits aber zeigt sich, daß eine zertifizierte Qualifikation nicht ausschlaggebend für die tatsächlichen beruflichen Chancen ist. Soziale und außerberufliche Qualifikationen gewinnen in bestimmten Beschäftigungsbereichen gegenüber fachlichen zunehmend an Bedeutung. Das formale Qualifikationsniveau läßt immer weniger Rückschlüsse auf die tatsächlichen Arbeitsbelastungen, den beruflichen Erfolg und betrieblichen Status zu. Vor diesem Hintergrund soll die in diesem Schwerpunkt geförderte Forschung auch aufzeigen, was als Qualifikation bestimmt und anerkannt wird und welche arbeitspolitischen Interventionen gegebenenfalls erforderlich sind. Vorangetrieben wird die zunehmende Differenzierung der Arbeit nicht zuletzt durch die fortschreitende Flexibilisierung der Arbeitszeit. Deswegen ist auch nach deren Ausmaß und Auswirkungen zu fragen. Dabei wird von den im Schwerpunkt geförderten Projekten erwartet, daß sie nicht allein die betriebs- und beschäftigungspolitischen Dimensionen der Arbeitszeitflexibilisierung analysieren, sondern zugleich nach deren lebensweltlichen, gesellschaftlichen und gleichstellungspolitischen Wirkungen fragen.

Auch aufgrund der Zunahme von befristeten Beschäftigungsverhältnissen, Leiharbeit, Scheinselbständigkeit und Teilzeitarbeit schreitet die Ausdifferenzierung der Arbeitsbedingungen voran. Gemeinsam ist diesen Beschäftigungsformen, daß arbeitsrechtliche Standards nur reduziert gelten oder die an das Normalarbeitsverhältnis gebundenen sozialen Sicherungssysteme nicht hinreichend greifen. Dennoch können Beschäftigungsverhältnisse dieses Typs nicht mehr als "atypisch" charakterisiert werden, denn das Beschäftigungswachstum in Industrie- und Dienstleistungsbereichen geht gegenwärtig vor allem auf sie zurück. Diese Beschäftigungsformen sind hinsichtlich ihrer materiellen Arbeitsbedingungen, sozialen Sicherheiten, spezifischen Belastungsmerkmale und Bedingungen für den Qualifikationserhalt zu untersuchen. Unter Verteilungsgesichtspunkten interessiert, wie sie in Abhängigkeit von Geschlecht, nationaler Herkunft und Qualifikation eingesetzt werden. Auf der Basis entsprechender Erkenntnisse ist der arbeits- und sozialrechtliche Gestaltungsbedarf zu bestimmen. Auf ein weiteres Wissensdefizit verweist die Frage, unter welchen Bedingungen es Übergänge von vertraglich instabilen Beschäftigungsformen zu dauerhafter Beschäftigung gibt und was die Arbeitspolitik zur Stabilisierung solcher Brücken in ein gesichertes Beschäftigungsverhältnis beitragen kann. Auch ist kritisch zu prüfen, wann zeitlich oder räumlich instabile Arbeitsformen zu sozialer Ausgrenzung führen. Für die Bewertung dieser Arbeitsformen ist es ferner erforderlich, Wissen darüber zu haben, wie die Beschäftigten selbst ihre Arbeitsbedingungen sehen; nicht nur mit Blick auf die Qualität der Arbeit, sondern auch unter berufsbiographischen Gesichtspunkten oder hinsichtlich der Vereinbarkeit von Arbeit und Lebensführung.

Die dritte Themenlinie des Schwerpunktes zielt darauf, Licht in die teilweise nur theoretisch geführten Debatten über den Stellenwert und die Auswirkungen von Arbeitsformen zu bringen, die jenseits der bezahlten Erwerbsarbeit geleistet werden. Vielfach wird diskutiert, daß die klassische Vollzeiterwerbsbiographie kein zukunftsfähiges Leitbild mehr sei. Statt dessen wird dafür plädiert, Erwerbsarbeit mit anderen gesellschaftlichen Arbeitsformen, wie Gemeinschafts-, Versorgungs- und Eigenarbeit, forciert zu kombinieren. Empirisch ist allerdings noch ungeklärt, ob solche Arbeitsformen Prozesse gesellschaftlicher Integration befördern und mit Blick auf eine nachhaltigkeitsgerechte Entwicklung und für eine geschlechterdemokratische Umverteilung von Arbeit zielführend sind. Unklar ist auch, wie sie auf das Angebot und die Organisation von Erwerbsarbeit zurückwirken und ob sie gegebenenfalls Brücken zur Erwerbsarbeit schlagen. Auch wäre zu fragen, ob und wie informelle Arbeitsformen in bestehende Regelungen der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik eingebettet werden können. Um hier zu solideren Einschätzungen zu gelangen, orientiert der Förderschwerpunkt darauf, nicht nur die klassische Erwerbsarbeit zum Untersuchungsgegenstand zu machen. Auch Ausmaß und Strukturbedingungen, unter denen informelle Arbeiten geleistet werden, ihre spezifischen Qualitäten, Vor- und Nachteile sind Gegenstand der Analyse, soweit es um ihr Zusammenspiel mit Arbeiten in der Erwerbssphäre geht.

In der vierten Untersuchungsperspektive gilt es, die Anforderungen des demographischen Wandels für die Zukunftsgestaltung der Erwerbsarbeit zu klären. Obgleich absehbar ist, daß das Durchschnittsalter der Erwerbsbevölkerung ansteigt, ist gegenwärtig eine Personalpolitik dominant, die auf den Verbleib älterer ArbeitnehmerInnen in einem Beschäftigungsverhältnis nicht eingestellt ist. Nach wie vor scheidet die Mehrheit der Erwerbstätigen um den Preis von Rentenabschlägen aus gesundheitlichen Gründen oder mit Blick auf die Arbeitsplatzbedingungen vorzeitig aus dem Erwerbsleben aus. Im Gegensatz zu der aktuellen Situation älterer Beschäftigter steht die Erkenntnis, daß eine altersgerechte Gestaltung der Erwerbsarbeit nicht erst am Ende der Berufsbiographie ansetzen kann. Deswegen ist es eine weitere Aufgabenstellung des Schwerpunktes, aufzuzeigen, wie eine der demographischen Entwicklung angepaßte präventive Arbeits-, Arbeitszeit- und Qualifizierungspolitik aussehen kann.

Spezifische Hürden und Bedingungen für langfristige Beschäftigungsfähigkeit und verlängerte Erwerbsbiografien sollen eruiert, personal politische, ökonomische, betriebswirtschaftliehe und soziale Wirkungen bzw. Kosten-Nutzen-Effekte langfristig angelegter arbeitspolitischer Konzepte bilanziert werden. Der Projektschwerpunkt dieser Themenlinie liegt insofern auf der Beschreibung innovativer arbeitspolitischer Konzepte, durch die Beschäftigte länger gesund und motiviert in Erwerbsarbeit verbleiben können und Produktivität und Innovativität mit alternden Belegschaften zu sichern sind.

Die Anforderungen an eine nachhaltigkeitsgerechte Zukunftsgestaltung der Erwerbsarbeit sind das Thema der fünften Forschungslinie. Hier geht es um die Bestimmung nachhaltigkeitsgerechter Qualitätskriterien der Arbeit, deren Umsetzung in betrieblichen und organisationalen Handlungsfeldern und die Identifikation der arbeitspolitischen Anforderungen und Handlungsspielräume. Der besondere Anspruch dieser Themenlinie ist es, umsetzungsbezogene arbeitspolitische Gestaltungsoptionen aufzuzeigen, die normativ definierten Nachhaltigkeitskriterien wie "Generationenverantwortung", "sozialer Zusammenhalt", "Umwelt- und Lebensqualität" genügen. Dies setzt interdisziplinäre Analysen und Bewertungen darüber voraus, welche sozialen, ökologischen und ökonomischen Wechselwirkungen sich mit dem Wandel der Erwerbsarbeit verbinden und wie arbeitspolitische Gestaltungsversuche mit gesellschafts- und umweltpolitischen Maßnahmen zu verknüpfen sind.

Die vorgenannten Themenlinien haben deutliche Geschlechterdimensionen. Folglich geht der Förderschwerpunkt in seinem Grundverständnis davon aus, daß geschlechtsdifferenzierende Untersuchungsperspektiven und -analysen ein verbindlicher Bestandteil der geförderten Projekte sind. Aktuell sind die Auswirkungen der familienpolitisch orientierten Reformen der Kinderbetreuungsmöglichkeiten aufzugreifen. Verändern sich tradierte Geschlechterverhältnisse in Betrieb und Familie durch den Ausbau institutionalisierter Kinderbetreuungsmöglichkeiten und die Förderung väterlicher Betreuung?

Nicht minder relevant, öffentlich aber noch kaum wahrgenommen, sind die Geschlechterimplikationen und Auswirkungen auf die Erwerbsarbeit durch den Anstieg von Pflegenotwendigkeiten und diesbezügliche Reformen. Zugleich bleiben die lmplikationen der Gleichstellungspolitik für die künftige Gestaltung der Erwerbsarbeit bzw. die Analyse der Bedingungskonstellationen der Frauenerwerbsarbeit eine explizite Themenlinie dieses Schwerpunktes. Denn trotz der zunehmenden Berufsorientierung und Erwerbstätigkeit von Frauen ist ihre Gleichstellung in der Erwerbssphäre und der Gesellschaft noch nicht eingelöst. Dies liegt zum Teil daran, daß traditionelle Strukturen gesellschaftlicher und privater Arbeitsteilungen sich als äußerst resistent erweisen.

Die Situation berufstätiger Frauen ist allerdings nicht homogen. Im Gegenteil: Eine zunehmende Ausdifferenzierung weiblicher Arbeitsrealitäten ist ebenso festzustellen wie neue Segmentierungen des Arbeitsmarktes. Vor diesem Hintergrund zielt die Forschungslinie "Erwerbsarbeit und Geschlechterverhältnisse" darauf, transparent zu machen, wie Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis in der gesellschaftlichen Organisation von Arbeit und im betrieblichen Alltagshandeln reproduziert werden und wie sie beseitigt werden können.