Kaum ein Politikbereich befindet sich gegenwärtig unter einem derartigen politischen Veränderungsdruck wie die Sozialpolitik. Anhaltende Beschäftigungsprobleme, der beschleunigte gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel, die demographische Entwicklung, die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft und die Prozesse der Europäisierung und Globalisierung der Wirtschaft stellen die Sozialpolitik vor große Herausforderungen. Als Antwort darauf werden von Einigen höhere sozialstaatliche Leistungen gefordert, um soziale Probleme zu mildern. Andere kritisieren dagegen die gegenwärtige Höhe staatlicher Sozialleistungen und fordern eine massive Reduzierung. Aus dieser Sicht verhindert eine sozialpolitisch motivierte Überregulierung und ein zu generöser Wohlfahrtsstaat in Deutschland wirtschaftliche Effizienz und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Die Sozialpolitik generiere demnach selbst die Probleme, die sie zu bekämpfen beabsichtige. Die Rede von den "strukturellen Verkrustungen" ist in den neunziger Jahren zum Inbegriff dieser Kritik geworden. Folgt man den Anhängern der "reinen" Marktwirtschaft, sollte der Staat nicht in das Marktgeschehen eingreifen, da jeder Eingriff mit Wachstums- und Wohlfahrtseinbußen verbunden sei. Der Staat solle sich auf seine Kernkompetenzen begrenzen und lediglich einen freien und fairen Wettbewerb im Wirtschaftsgeschehen garantieren.
Im Gegensatz dazu ist das Leitbild des Förderschwerpunktes "Zukunft des Sozialstaats/der Sozialpolitik" ein aktiver Wirtschafts- und Sozialstaat. Sein Handeln folgt der Maxime, daß wirtschaftlicher Fortschritt dauerhaft nur in Verbindung mit sozialem Fortschritt möglich ist, und daß sich wirtschaftlicher Fortschritt und sozialer Ausgleich nicht widersprechen, sondern ergänzen. Sozialpolitik wird als Voraussetzung gesehen, um Marktwirtschaft sozial akzeptabel zu gestalten. Eine Sozialpolitik zur allgemeinen Sicherung der Existenzgrundlagen der Menschen gilt in dieser Sicht als einer modernen demokratischen Gesellschaft adäquat. In diesem Leitbild werden unterschiedliche Entwicklungen und Perspektiven zusammengeführt, die den Focus für Forschungen bilden.
Die Betrachtung des deutschen Sozialstaats aus vergleichender europäischer Perspektive zeigt, daß das deutsche System in seinem Kern immer noch ein System der Versicherung von Risiken aus abhängiger Arbeit ist, dem das Modell des männlichen Haupternährers mit durchgängiger Erwerbsbiographie zugrunde liegt. Es bietet dieser Klientel im Vergleich mit den anderen europäischen Nachbarländern mit ähnlich hoher Wirtschaftsleistung (Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Niederlande) überdurchschnittliche Leistungen der Lebensstandardsicherung in den Kernsystemen, nicht aber der wachsenden Zahl von Menschen, deren Beschäftigungsbiographie diesem Modell nicht entspricht (insbesondere Frauen). Auf der Finanzierungsseite des deutschen Systems ist eine besonders starke Finanzierungslast auf dem Beschäftigungsverhältnis durch bruttolohnbezogene Beiträge augenfällig. Hinsichtlich des Volumens finanzieller Aufwendungen fällt dagegen - entgegen weitverbreiteten Annahmen - das deutsche Sozialsystem nicht aus dem Rahmen.
Es zeichnet sich ab, daß in den nächsten Jahren ein gemeinsamer europäischer Sozialraum geschaffen werden soll. Dies bedeutet, daß die Sozialstaaten, die verschiedenen gesellschaftspolitischen Leitbildern folgen (skandinavischer / kontinentaler / angelsächsischer Typ), mit ihren unterschiedlichen Anteilen von staatlicher, betrieblicher und privater Steuerung zur Disposition stehen. Es wird um die Entwicklung eines neuen "policy-mixes" von Sozial-(Staat) und privater Vorsorge gehen. Diese innovative Neugestaltung des Sozialstaates, der sozial gerecht und wirtschaftlich effizient sein soll, wird soziale Absicherung mit Flexibilität (Flexicurity) zu verbinden haben. Das Leitbild "Flexicurity" ist in diesem Kontext dadurch gekennzeichnet, daß es adäquat auf verschiedene Passagen im Lebenszyklus reagiert und nicht vorrangig standardisierte Erwerbsverläufe (Normalbiographien) absichert.
Forschung zur "Zukunft des Sozialstaats/der Sozialpolitik" soll programmatisch unter den Leitbegriffen "Innovation, Qualität und Solidarität" gebündelt werden. Die "europäisch vergleichende" Orientierung und die genderpolitische Perspektive sollen dabei als Querschnittsfragestellungen angemessen berücksichtigt werden. Proaktiv sollen Fragen der sozialen Kohäsion in den Fokus genommen werden. Von besonderem Interesse ist die Frage, ob es zur Schaffung sozialer Kohäsion im europäischen und internationalen Vergleich gute bzw. sehr gute Praxisbeispiele für Inklusionspfade und Inklusionsfähigkeit gibt.
Vor dem Hintergrund der beschriebenen Probleme ergeben sich folgende Forschungslinien für den Förderschwerpunkt "Zukunft des Sozialstaats/der Sozialpolitik":